Saidolim Sharofi ist 33 Jahre alt, stammt selbst aus Tadschikistan und spricht vier Sprachen fließend: Persisch, Russisch, Deutsch und Englisch. Der studierte Deutschlehrer lebt erst seit 2021 dauerhaft in Deutschland. Bereits während seines Studiums der Interkulturellen Kommunikation an der Hochschule Fulda engagierte er sich ehrenamtlich beim Verein „Welcome In e.V.“. Seit 2024 arbeitet er hauptamtlich als sprachkursbegleitender Arbeitsmarktlotse beim Kreisjobcenter. Seine Aufgabe im Rahmen der durch das Ausbildungs- und Qualifizierungsbudget des Landes Hessen geförderten Stelle ist es, Teilnehmenden von Sprachkursen des Levels B1 (siehe Infokasten) dabei zu unterstützen, eine berufliche Perspektive zu entwickeln und erste Schritte auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu planen. „Für das Kreisjobcenter ist die Arbeit äußerst wertvoll, weil sie als frühzeitige Schnittstelle zwischen Spracherwerb und Arbeitsaufnahme auf Freiwilligkeit setzt und niedrigschwellige Orientierung bietet, bevor die Teilnehmenden in die Regelbetreuung des Kreisjobcenters einmünden“, betont Verena Malkmus, Sachgebietsleiterin im Bereich Eingliederung.
Mehr als reine Arbeitsvermittlung
„Mit einer Präsentation stelle ich mich und mein Angebot in den Sprachkursen vor. Wer Interesse hat, kann dann eine Einzel- oder Gruppenberatung buchen“, beschreibt Sharofi seine Tätigkeit. Er berät unabhängig vom jeweiligen Rechtsgebiet über die Themen Stellensuche und Bewerbung, Ausbildung und Praktikum. Wenn gewünscht, hilft er bei der Erstellung von Lebensläufen, ermittelt Potenziale und recherchiert Jobs in Wohnortnähe. Auch als Dolmetscher auf hiesigen Jobmessen ist er aktiv. Aber sein Engagement geht weit über die Jobsuche hinaus. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wertvoll soziale Netzwerke für das Erlernen einer Sprache und damit eine gelungene Integration sind“, sagt Saidolim Sharofi. „Deshalb unterstütze ich dabei, diese aufzubauen, zum Beispiel indem ich mich nach Vereinen vor Ort erkundige. Egal ob Ehrenamt oder Sport - alles ist besser als zu Hause sitzen zu bleiben.“ Die größten Hürden für Zugewanderte seien neben dem Spracherwerb die Themen Kinderbetreuung und Mobilität. Die Anerkennung ausländischer Führerscheine und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind daher auch Bestandteil der Beratung. „Viele müssen einfach ins kalte Wasser springen“, sagt Sharofi.
Sprung ins kalte Wasser
Ins kalte Wasser gesprungen ist auch Olha Kovac als sie 2022 mit ihrem heute zehn Jahre alten Sohn Tima vor dem Krieg in der Ukraine geflohen ist. Die heute 34-Jährige ließ den Rest ihrer Familie und ihr altes Leben als Grundschullehrerin in Odessa zurück. Über ein Projekt der Flüchtlingshilfe der Kirche ist sie in Thalau gelandet – und dort herzlich aufgenommen worden. Während Tima durch die Schule und die örtlichen Vereine rasend schnell Deutsch gelernt hat, fällt es Olha deutlich schwerer. „Lesen klappt besser als die gesprochene Sprache zu verstehen“, sagt sie. Herrn Sharofi lernte sie am Ende eines Integrationskurses kennen. Er habe sie ermutigt, sich um die Anerkennung ihres ukrainischen Hochschulabschlusses zu kümmern, um die Chancen bei der Jobsuche zu verbessern. Mit seiner Unterstützung stellte sie bei der Lehrkräfteakademie Hessen einen Antrag auf Anerkennung ihres ukrainischen Lehramtsabschlusses – mit Erfolg. „Die Fächer, Noten und Berufserfahrung von Frau Kovac erfüllten zu mehr als 50 Prozent die Voraussetzungen“, berichtet der Jobcoach. „Unser Ziel war eine Anerkennung als pädagogische Fachkraft, damit sie beispielsweise als Erzieherin arbeiten kann.“ Aber es kam besser: „Sie darf nun offiziell in Hessen die Fächer Mathematik und Sachunterricht für die Klassen eins bis vier sowie Ukrainisch für die Klassen eins bis neun unterrichten.“ Um wirklich in einer Schule als Lehrerin arbeiten zu können, reichen die Sprachkenntnisse allerdings noch nicht. „C1 ist Pflicht“, betont Sharofi. Umso erfreulicher sei es, dass die Grundschule Thalau Olha bereits eine Chance gegeben habe – als Betreuungskraft in der Schulbetreuung. Mit dem Job in der Schule hat sie einen großen Schritt nach vorne gemacht, denn mit dem Gehalt kann sie für sich und ihren Sohn sorgen und ist nicht auf soziale Leistungen angewiesen. Ihr nächstes Ziel sei der Führerschein, parallel wolle sie an ihren Deutschkenntnissen arbeiten, denn die Schule habe durchaus Interesse, sie auch als Lehrerin einzustellen, berichtet Olha. Inzwischen trägt das Engagement des Jobcoaches also auch anderswo Früchte: Bereits drei weitere Ukrainerinnen habe sie nach der positiven Erfahrung zur Anerkennung ihrer Abschlüsse motiviert.
Info: Sprachkurse
Die Sprachkenntnisse werden in Europa nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER) in sechs Stufen eingeteilt:
A1 - Anfänger: Versteht und verwendet einfache Wörter und Sätze für alltägliche Situationen.
A2 - Grundkenntnisse: Kann sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen und kurze Gespräche führen.
B1 - Fortgeschrittene Sprachverwendung: Bewältigt die meisten Alltagssituationen selbstständig und kann über Erfahrungen, Pläne und Meinungen sprechen.
B2 - Selbstständige Sprachverwendung: Versteht auch komplexere Texte und kann sich flüssig sowie weitgehend spontan unterhalten.
C1 - Fachkundige Sprachkenntnisse: Nutzt die Sprache sicher und flexibel im Beruf, Studium und in anspruchsvollen Gesprächen.
C2 - Annähernd muttersprachliches Niveau: Versteht nahezu alles mühelos und kann sich präzise sowie differenziert ausdrücken.
